Gedanken in Isolation

Allein am Bett sitzend, beobachtend, besser starrend. Der Tag bricht an in New York, während sie, bekleidet nur im Nachthemd, dem Schauspiel der aufgehenden Sonne ausdruckslos folgt. Verbunden mit der Außenwelt, mit der erwachenden Stadt, durch ihr scheinbar scheibenloses Fenster und doch auf sich allein gestellt, denn kann sie doch mit niemanden ihre Gedanken teilen.

Morning Sun by Edward Hopper (1952); Columbus Museum of Art, Columbus, OH, US


Edward Hoppers Gemälde „Morgensonne“ beschreibt einen Zustand, welcher uns im letzten Monat immer vertrauter wurde, denn Wien schläft. Wien, ja ganz Österreich und weite Teile Europas und der Welt wurden in einen künstlichen Tiefschlaf versetzt. Der Unterschied zu dem Augenblick, den Hopper 1962 auf Leinwand einfing, und der aktuellen Situation ist die Art der Isolation: Während die den Tagesanbruch betrachtende Frau auf ihrem Bett sitzt, ist sie komplett allein mit ihren Gedanken. Alles, das von ihr gedacht wird, bleibt bei ihr. Jeder Anflug von Melancholie, Freude, glückliche Verliebtheit, unglückliche Verliebtheit, Nostalgie gehört ihr und gehört auch ihr ganz allein. Wem denn auch sonst, ist sie doch die (scheinbar) einzigste Person im Raum?

Die Situation im März 2020 ist jedoch nicht mit der im Jänner 1952 zu vergleichen. Während wir ebenso von unseren Unterkünften aus die Morgensonne von den verschiedensten Orten der Welt betrachten mögen, so bleiben wir niemals alleine mit unseren Gedanken. Auch in vollkommener Isolation zur Außenwelt sind unserer Gedanken nie unsere eigenen. Jeder Gedanke, der sich in unserem Kopf niederlässt und einnistet, bleibt nicht bei uns allein – er wird zum Gut degradiert, zur monetarisierten Sache, zum Produkt. Ein Zoom-Meeting jagt das nächste – man bedenke hier die Effizienz der Isolation, denn man spare sich somit immerhin den Weg zur Arbeit, diese verlorene, ungenutzte Zeit! – und Gedanken werden produziert und sofort abgegeben. Sie werden verkauft.


Doch was, wenn alle unsere mühevoll zu Ende gedachten Gedanken am Ende des Tages abgegeben werden müssen und wir keine mehr für uns selbst, keine mehr für uns ganz allein haben? Wenn uns Müdigkeit überfällt und wir schlafen möchten und es einfach gelingt, denn welche Gedanken auch sollten uns wachhalten? Schlaf bekommen, kognitive Energien aufladen, um für den nächsten Tag wieder genügende Gedanken zu haben, die am Markt angeboten werden können um anschließend wieder gedankenlos einschlafen zu können?


Die Frau in Hoppers Gemälde war zumindest auf eine Weise mit Sicherheit privilegiert: Egal, wie und unter welchen Bedingungen sie ihren Lebensunterhalt bestritt – zu Hause konnte sie bei sich sein. Ihre Gedanken gehörten ihr und nur ihr allein.


Die Morgensonne betrachten. Trotz Isolation: Allein.

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